Deutschförderung als Schlüssel zu Chancengerechtigkeit
- Lukas Burian

- 23. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Feb.
Rede im Wiener Landtag, 21. Jänner 2026, Wien:

Sprache ist die Grundlage für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. In dieser Rede im Wiener Landtag erkläre ich als Gemeinderat und Landtagsabgeordneter, warum systematische Deutschförderung im Kindergarten entscheidend ist – und warum dieses Thema nicht für politische Zuspitzung missbraucht werden darf.
Abg. Mag. Lukas Burian (NEOS): Sehr geehrter Präsident! Liebe Landeshauptfrau-Stellvertreterin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Liebe ZuseherInnen da oben und vor allem zu Hause an den Bildschirmen!
Wir sprechen heute auf Wunsch der ÖVP über Deutschförderung. Ja, wir stehen vor immensen Herausforderungen beim Thema Deutschförderung, das ist leider die Realität. Es geht um Bildung, es geht um Integration, es geht um Chancengerechtigkeit und es geht wie immer darum, ob Kinder in dieser Stadt mit fairen Möglichkeiten ins Leben starten können. Es betrifft das Herzstück von Bildungsgerechtigkeit, denn ohne Sprache gibt es keine gleichen Chancen. Aber gerade, weil es um so viel geht, müssen wir heute zwei Dinge gleichzeitig schaffen, nämlich einerseits einmal das Problem klar benennen und zweitens aber auch wirklich aufhören, es politisch zu verzerren. Ich möchte ganz bewusst einen Schritt zurückgehen, weil die Debatte auch einen nüchternen Rahmen braucht.
Wie gesagt, wir haben in Wien einen viel zu hohen Anteil an Kindern, die beim Schulreintritt nicht ausreichend Deutsch können, um dem Unterricht gut folgen zu können. Man muss aber dennoch auch bitte erwähnen und, ich hoffe, auch einmal anerkennen, was in den letzten Jahren tatsächlich passiert ist. Der Fachkräftemangel ist eben nicht über Nacht entstanden, das ist das Ergebnis jahrzehntelang verschleppter Personalpolitik. Die Pandemie, die Kollegin Bakos hat es schon erwähnt, hat Kinder in ihrer Sprachentwicklung real zurückgeworfen und Wien trägt eben eine besondere Last, da der Familiennachzug das System zusätzlich unter Druck gesetzt hat und der Großteil davon eben bei uns gelandet ist.
Was ist noch passiert? Wien baut die Sprachförderung aus, und zwar trotz Fachkräftemangel, aktuell sind rund 412 speziell ausgebildete Sprachförderkräfte in den elementaren Einrichtungen im Einsatz, das ist eine enorme Steigerung gegenüber 2020, wo es noch rund 250 waren. Wir steuern auch nach Bedarf, Sprachförderung wird nicht nach Bauchgefühl verteilt, sondern auf Basis verpflichtender Sprachstandserhebungen, mit klaren Kriterien und Standortfokus dort, wo der Bedarf am höchsten ist. Wir setzten auch bei der Zeit an, der Kollege Taborsky hat es gerade erwähnt, weil Zeit mit Sprache zu tun hat. Wien arbeitet daran, dass Kinder mit hohem Sprachförderungsbedarf künftig mehr Zeit im Kindergarten verbringen, konkret spreche ihr hier die gewünschte Ausweitung von 20 auf 30 Stunden an. Und seit NEOS im Bund Verantwortung trägt, passiert endlich etwas, was jahrelang blockiert wurde, mehr Ressourcen nach Bedarf und echte Reform statt Ausreden. Bundesminister Christoph Wiederkehr hat die Deckelung in der Deutschförderung abgeschafft, somit haben wir im Schuljahr 2025/26 500 Stellen in Wien, 2024/25 waren es noch 231, just do the Math.
Und jetzt beantragt ausgerechnet die ÖVP hier eine Sondersitzung und tut so, als würde sie heute das Rad der Deutschförderung neu erfinden. Das ist insofern bemerkenswert - und lassen Sie mich das kurz ausführen -, denn es gibt eine politische Kraft, die über Jahrzehnte die großen Stellschrauben in der Hand hatte, und das ist natürlich die ÖVP. 39 Jahre Regierungsverantwortung, 2021, lange das Bildungsministerium (Abg. Harald Zierfuß: Dafür ist die Wiener Stadtregierung zuständig!), und in all diesen Jahren hat man eines nicht gemacht, man hat die strukturellen Reformen nicht umgesetzt, die wir heute so dringend brauchen. Vor allem hat man den Föderalismus im Bildungsbereich nicht beendet beziehungsweise restrukturiert, obwohl man es hätte können.
(Zwischenruf von Abg. Harald Zierfuß.) – Und, Kollege Zierfuß, man kann so oft Landeskompetenz, Landekompetenz, Landeskompetenz schreien, wenn man es 39 Jahre lang in der Hand gehabt hätte, genau das zu ändern, nicht, weil es unmöglich war, sondern weil es politisch unbequem war (Beifall bei den NEOS. - Zwischenruf von Abg. Harald Zierfuß), weil es der ÖVP wichtiger war, ihre internen Machtstrukturen zu verwalten, Bünde, Kammern, Zuständigkeiten, Einflusszonen, als ein Bildungssystem zu modernisieren, das die Sprache der Kinder wirklich in den Mittelpunkt stellt. Und das ist der Kern dieser Debatte. (Beifall bei den NEOS.) Die ÖVP hat jahrzehntelang Bildungspolitik gemacht, aber zu oft als Machtpolitik und eben nicht als Kinderpolitik.
Und das kommt noch dazu, wer heute so tut, als wäre das Problem erst seit Kurzem sichtbar, nämlich seit sechs Jahren, verschweigt die eigene Verantwortung in der Integrationspolitik. Die ÖVP hat gemeinsam mit der FPÖ eine Politik betrieben (Beifall bei den NEOS), die Eltern mit Migrationshintergrund nicht unterstützt, sondern ausgrenzt. Die heutige Situation ist also natürlich auch eine Folge politischer Entscheidungen. Und dann, das ist ja fast der bitterste Teil, schießt man jahrelang gegen Wien, nicht, um Kindern zu helfen, sondern um Wien zu schaden. Man hat Wien als Bühne genommen, um im Bund Punkte zu machen. Man hat Migration gegen Wien ausgespielt, man hat Probleme nicht gelöst, sondern instrumentalisiert. Und eines kann ich euch sagen, wir Wienerinnen und Wiener erinnern uns ganz genau, wo die Wiener ÖVP gestanden hat, als es darum ging, Nachmittagsbetreuung und auch die Förderung vom Kindergarten in dieser Republik neu zu gestalten. Mit den Händen im Schoß, stillsitzend, während andere Bundesländer aufgehetzt werden sollten. (Beifall bei den NEOS. - Zwischenruf bei der ÖVP.) - Es ist so, ich habe von der ÖVP Wien damals nichts gehört.
Und jetzt kommen Sie wirklich daher, nach all diesen Jahren, und erklären uns im Wiener Landtag, Deutschförderung sei plötzlich ein Notfall. Das ist schlicht verantwortungslos, weil der Preis dafür nicht von der ÖVP gezahlt wird, sondern eben von den Kindern. Ja, Deutschförderung ist ein Notfall, aber nicht erst seit gestern, und nicht, weil Wien nichts tut, sondern weil dieses Land und diese Republik zu lange mit politischen Scheuklappen auf Bildung und Integration geschaut haben.
Und genau deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt anders handeln, und jetzt komme ich zur entscheidenden Brücke: Wien handelt und Wien reformiert. Die Vizebürgermeisterin hat mit Kindergarten Neu Denken den Startschuss für eine echte Strukturreform gegeben, dort, wo die Weichen gestellt werden, im Kindergarten. Denn der Kindergarten ist eben nicht nur Betreuung, er ist die erste Sprosse auf der Bildungsleiter und für viele Kinder die erste Chance auf Sprache, auf Bildung und auf echte Teilhabe im späteren Leben. Und in einem Punkt in ihrer Grundsatzrede hat sie das ganz klargemacht, wir müssen die Kindergärten so aufstellen, dass Pädagoginnen und Pädagogen ihren Fokus noch mehr auf die Arbeit mit den Kindern legen können und weniger Zeit für Verwaltung aufwenden.
Unser Anspruch ist es zudem, die Sprachförderung im Kindergarten noch weiter zu stärken, Eltern einerseits zu unterstützen, aber andererseits auch in die Verantwortung zu nehmen. Wir müssen auch in den privaten Trägerorganisationen konsequent und ausnahmslos Sprachfördermaßnahmen umsetzen. Aber dafür braucht es eben klare Verantwortung, klare Erwartung und eine Bildungspartnerschaft, die diesen Namen auch wirklich verdient. (Beifall bei den NEOS.)
Denn ja, Deutsch ist die Eintrittskarte in unsere Gesellschaft und es ist unsere Aufgabe als Stadt und als Staat, diese Eintrittskarte verfügbar zu machen: früh, systematisch und verbindlich. Aber es ist eben auch die Aufgabe der Eltern, die Chance anzunehmen. Und genau diese Balance ist der Wiener Weg, nicht schreien, nicht spalten, nicht immer Schuldige suchen, sondern Strukturen verbessern, Qualität sichern und Verantwortung klar benennen. Die ÖVP hätte jahrzehntelang Zeit gehabt, das zu tun, Wien tut es jetzt: mit Reform statt Showpolitik, mit Lösung statt Schlagzeile, mit dem Fokus dort, wo er hingehört, bei den Kindern. - Vielen herzlichen Dank. (Beifall bei den NEOS.)
Präsident Anton Mahdalik: Die Restredezeit beträgt 7 Minuten.
Zu einer tatsächlichen Berichtigung hat sich der Herr Abg. Zierfuß gemeldet. - Bitte sehr. (Zwischenruf von Abg. Mag. Dolores Bakos, BA.)



Kommentare