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Kinder- und Jugendhilfe unter Druck – Wie Wien strukturell nachschärft

Einleitung (Rede im Wiener Landtag, 21. Jänner 2026, Wien)


Die Wiener Kinder- und Jugendhilfe steht vor wachsenden Herausforderungen. In dieser Landtagsrede analysiere ich als Gemeinderat und Abgeordneter zum Wiener Landtag die Ursachen der aktuellen Belastung und zeige auf, welche strukturellen Reformen notwendig sind, um Kinderschutz langfristig abzusichern.


Abg. Mag. Lukas Burian (NEOS): Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Liebe Damen und Herren auf der Galerie! Sehr verehrte Damen und Herren zu Hause! Wir sprechen heute über die Situation in der Wiener Kinder- und Jugendhilfe. Das ist ein höchst sensibles Thema. Es ist gut, dass wir es in diesem Haus sachlich und verantwortungsvoll diskutieren. 

Denn ja, es gibt eine wirklich hohe Belastung im System. Ja, es gibt herausfordernde Entwicklungen und auch einzelne Fälle, die kritisch aufgearbeitet werden müssen. Das ist unser Job. Genau deshalb ist es wichtig, klar zwischen berechtigten Problemstellungen und der Frage, welche strukturellen Maßnahmen tatsächlich gesetzt werden, um Kinderschutz nachhaltig zu sichern, zu unterscheiden. 

Aktuell liegt ein Bericht des Stadtrechnungshofs vor, in dem unter anderem die Anmietung einer Wohngemeinschaft zu überhöhten Kosten thematisiert wird. Hierzu sind noch einmal drei Dinge sachlich festzuhalten. Es handelt sich dabei nicht um Förderungen, sondern um Leistungszukäufe. Die Leistungszukäufe werden seit 2022 grundsätzlich über Ausschreibungsverfahren mit einer klaren Gewichtung auf Qualität und Kosten vergeben. 

Die Kinder- und Jugendhilfe hat die Empfehlungen des Stadtrechnungshofs zum Anlass genommen, Abläufe und Vertragsgrundlagen weiter zu verbessern. Zentrale Punkte werden umgesetzt, nämlich klare Zuständigkeiten, transparentere Vertragsbeziehungen, die nachvollziehbare Festlegung von Tagsätzen sowie strenge Anforderungen an Wirtschaftlichkeit und Dokumentation. Das Ziel ist also klar: die Qualität der Betreuung zu sichern und gleichzeitig öffentliche Mittel effizient und nachvollziehbarer einzusetzen. 

Die derzeitige Belastung der Wiener Kinder- und Jugendhilfe hat mehrere Ursachen. Die Ursachen liegen vor allem in den veränderten Rahmenbedingungen. Ein zentraler Faktor ist, dass die Kinder- und Jugendhilfe seit einigen Jahren mit einem starken Zuzug von besonders vulnerablen Familien konfrontiert ist. In den Krisenzentren befinden sich regelmäßig viele Kinder mit komplexen familiären Belastungen und instabilen Lebenslagen. 

Gleichzeitig nimmt die Zahl jener Kinder und Jugendlichen zu, die einen besonders intensiven Betreuungsbedarf haben. Themen sind dabei natürlich vorrangig psychische Erkrankungen, schwere Traumatisierungen, massive Verhaltensauffälligkeiten und natürlich Behinderungen. Teils sind es auch Mehrfachproblematiken wie Sucht und Gewalt. 

Das hat unmittelbare Auswirkungen auf das System. Viele Kinder können eben nicht mehr in altbewährten oder bekannten Standardsettings untergebracht werden, sondern brauchen hochspezialisierte Formen, etwa sozialtherapeutische oder sozialpsychiatrische Wohnplätze. Diese Settings sind aus fachlichen Gründen meist kleiner. Es sind oft Vierer- oder Sechsergruppen. Das ist pädagogisch sinnvoll, bedeutet aber auch mehr Personalbedarf, mehr geeignete Immobilien und höhere Kosten pro Platz. Genau diese beiden Ressourcen - Fachkräfte und passende Häuser - sind derzeit besonders schwer verfügbar. 

Die entscheidende Frage ist daher, welche Maßnahmen konkret gesetzt werden, um die Lage zu verbessern. Da gibt es klare Fakten. Um den steigenden Bedarf abzudecken, wurden 2025 im Vergleich zum Rechnungsabschluss 2024 zusätzliche 23,9 Millionen EUR bereitgestellt, besonders für neue Wohngemeinschaften, Tagsatzerhöhungen, Zusatzbetreuungen sowie Investitions- und Sanierungskosten für neue Einrichtungen. 

Auch bei den Plätzen zeigt sich: Die Anzahl der belegten Plätze in stationären Einrichtungen ist seit 2018 kontinuierlich gestiegen - bis Mitte 2025 um rund 12 Prozent. Dazu kommt der Personalbereich. 2025 wurden zusätzliche Dienstposten für Krisenzentren genehmigt, um tagsüber höhere Besetzungen und nachts Doppelbesetzungen zu ermöglich. 

Für Gefährdungsabklärungen wurden zusätzliche Psycholog:innenstellen geschaffen. Sozialpädagog:innen können bereits während der Ausbildung angestellt werden, um personelle Engpässe zu verringern und eine frühzeitige Bindung an das System herzustellen. Supervision, Coaching und Fortbildung sind als Standard verankert. Das ist wichtig, weil klar ist: Die Qualität in der Kinder- und Jugendhilfe hängt entscheidend vom Personal ab. 

Zusätzlich werden dort neue Maßnahmen geschaffen, wo neue Problemlagen sichtbar werden. Ein Beispiel ist die Orientierungshilfe Wien für unmündige Intensivtäter:innen, ein gezieltes Angebot mit einem Buddy-System, einer aufsuchenden Begleitung im Sozialraum und dem klaren Ziel, Delinquenz früh zu unterbrechen und eine Rückkehr in Schule und Ausbildung zu ermöglichen. 

Die Wiener Kinder- und Jugendhilfe steht unter Druck. Das ist unbestritten. Ebenso klar ist aber: Dieser Druck wird nicht ignoriert, sondern mit strukturellen Verbesserungen nach Prüfberichten, dem konsequenten Ausbau von Plätzen, zusätzlichem Personal, spezialisierten Angeboten und einer klaren Priorität auf Kinderschutz und Qualität aktiv bearbeitet. Darum geht es ja am Ende. 

Kinder brauchen Schutz. Sie brauchen Stabilität und ein System, das auch unter schwierigen Bedingungen funktioniert und Schritt für Schritt stärker wird. - Vielen herzlichen Dank. (Beifall bei NEOS und SPÖ.)

Präsident Ing. Christian Meidlinger: Als Nächste ist Frau Abg. Berner zu Wort gemeldet. - Bitte.

 
 
 

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