Wer hat Angst vor der nächsten Generation der Gleichberechtigung?
- Lukas Burian

- vor 4 Tagen
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30 Jahre Regenbogenparade sind ein guter Anlass, um zurückzublicken. Und um jenen Respekt zu zollen, die den Weg bereitet haben.
Menschen, die in den 1970er-, 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren für die Rechte von Menschen der Regenbogen-Community gekämpft haben, haben unsere Gesellschaft verändert. Viele von ihnen haben persönliche Risiken auf sich genommen, Ausgrenzung erlebt und dafür gesorgt, dass heute deutlich mehr Menschen in Freiheit, Würde und rechtlicher Gleichstellung leben können. Dafür gebührt ihnen Respekt und Dankbarkeit.
Es ist auch völlig legitim zu sagen: „Ich habe meinen Beitrag geleistet. Jetzt seid ihr dran.“
Doch gerade im Jubiläumsjahr der Regenbogenparade fällt auf, wie oft die Debatte nicht von Stolz auf das Erreichte geprägt ist, sondern von Abgrenzung gegenüber jenen, die heute um Anerkennung und Sichtbarkeit kämpfen.
Das wirft eine grundlegende Frage auf: Was passiert mit einer Bewegung, wenn sie einen großen Teil ihrer Ziele erreicht hat?
Gerade die Geschichte unserer Bewegung war doch immer die Geschichte von Menschen, denen gesagt wurde: „Ihr gehört nicht dazu.“ Schwule, Lesben, bisexuelle, trans und viele andere Menschen der Regenbogen-Community haben auf unterschiedliche Weise erlebt, was Ausgrenzung, Vorurteile und gesellschaftliche Ablehnung bedeuten. Jahrzehntelang wurde ihnen erklärt, wie sie zu leben hätten und welche Lebensentwürfe akzeptabel seien. Deshalb irritiert es mich, wenn heute dieselben Argumentationsmuster gegen andere Minderheiten innerhalb der Community verwendet werden.
Man muss nicht jede Entwicklung gut finden. Man darf diskutieren. Man darf Fragen stellen. Aber wer anderen Menschen pauschal abspricht, Teil derselben Freiheitsbewegung zu sein, bewegt sich auf einem Terrain, das früher gegen uns selbst verwendet wurde.
Vielleicht hat diese Entwicklung auch mit einer Frage zu tun, die viele gesellschaftliche Bewegungen irgendwann einholt: Ist die nächste Generation bereit, den Staffelstab zu übernehmen – und sind jene, die ihn tragen, auch bereit, ihn weiterzugeben?
Manchmal entsteht der Eindruck, als würden manche Altvordere zwar zu Recht Anerkennung für ihre Leistungen erwarten, gleichzeitig aber Schwierigkeiten haben zu akzeptieren, dass neue Generationen neue Themen setzen. Statt den Staffelstab weiterzugeben, wird von der Seitenlinie kommentiert, kritisiert und erklärt, warum die Gegenwart den Ansprüchen der Vergangenheit nicht genügt.
Das ist menschlich. Wer Jahrzehnte lang gekämpft hat, darf stolz auf das Erreichte sein.
Doch manchmal wirkt es, als wäre diese Übergabe nie wirklich erfolgt.
Vielleicht steckt dahinter die Sorge, Aufmerksamkeit teilen zu müssen. Vielleicht die Sorge, dass andere Minderheiten nun ebenfalls Sichtbarkeit und Anerkennung einfordern. Oder die Erkenntnis, dass die 1eigene Geschichte zwar eine zentrale, aber eben nicht die einzige Geschichte innerhalb einer vielfältigen Gesellschaft ist. Besonders bemerkenswert ist, wie oft die „Transdebatte“ heute als Vehikel für etwas viel Größeres
genutzt wird. International beobachten wir, dass Angriffe auf die Rechte von trans Menschen häufig die Trägerrakete für eine breitere politische Agenda sind: die Rücknahme von Gleichstellungsfortschritten, die Einschränkung sexueller Selbstbestimmung und letztlich das Zurückdrängen von Frauenrechten. Tatsächlich erleben wir vielerorts, dass gerade jene politischen Kräfte, die besonders laut gegen trans Menschen mobilisieren, häufig auch bei Gleichstellung, sexueller Selbstbestimmung oder anderen Frauenrechten auf der Bremse stehen.
Auch in Österreich lassen sich diese Widersprüche beobachten. In Salzburg wird mit der Herdprämie ein Familien- und Rollenbild gefördert, das Frauen wieder stärker an Haus- und Betreuungsarbeit bindet – wohlgemerkt in einem Bundesland, das von zwei Frauen geführt wird. In Oberösterreich wiederum fehlt es vielerorts weiterhin an ausreichend wohnortnaher kassenfinanzierter gynäkologischer Versorgung – in einem Bundesland, das von zwei Männern geführt wird. Das sind konkrete frauenpolitische Herausforderungen. Sie verschwinden nicht dadurch, dass man über trans Menschen diskutiert.
Wer Minderheiten gegeneinander ausspielt, stärkt selten Frauenrechte. Er stärkt vor allem die Logik der Ausgrenzung. Dabei stehen wir als Gesellschaft vor ganz anderen Herausforderungen. Europa ringt mit seiner Wettbewerbsfähigkeit. Demokratien stehen unter Druck. Wirtschaftliche Unsicherheit wächst. Die Frage, wie wir Wohlstand, Freiheit und sozialen Zusammenhalt sichern, wird über die Zukunft unseres Kontinents entscheiden.
Umso erstaunlicher ist es, wie viel Energie darauf verwendet wird, innerhalb einer ohnehin kleinen Minderheit neue Trennlinien zu ziehen. Dabei sollten wir nicht vergessen, wie weit wir gekommen sind. Zur ersten Regenbogenparade in Wien
kamen rund 15.000 Menschen. Heute sind es ein Vielfaches davon. Dieser Erfolg war nur möglich, weil immer mehr Menschen – weit über die Community hinaus – bereit waren, unsere Anliegen zu unterstützen, für Gleichberechtigung einzutreten und gesellschaftlichen Fortschritt mitzutragen.
Gerade deshalb sollten wir sorgfältig damit umgehen, wie wir miteinander sprechen. Denn wir werden auch in Zukunft auf Verbündete angewiesen sein. Menschen für Freiheit und Gleichberechtigung zu gewinnen, ist deutlich schwieriger, als sie zu verlieren.
Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, immer neue Grenzen zu definieren, wer
dazugehört und wer nicht. Die Herausforderung besteht darin, Unterschiede auszuhalten, Freiheit zu verteidigen und eine Gesellschaft zusammenzuhalten, die vielfältiger geworden ist.
Denn Fortschritt entsteht selten dadurch, dass Menschen, die einst selbst vor verschlossenen Türen standen, diese Türen hinter sich wieder schließen.
Er entsteht dort, wo Freiheit nicht als exklusives Privileg verstanden wird, sondern als etwas, das größer wird, wenn man es teilt.



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